Der Umgang mit NS-Bunkern sorgte in Berlin immer wieder für politischen Zündstoff.
Einst gewährte der Staat üppige Zuschüsse - heute weiß keiner mehr so recht, wo sich die...
Ein Bunker der ganz besonderen Art war gerade mehrere Monate lang im Londoner...
Nach 63 Jahren verschwand ein Zeugnis des Zweiten Weltkrieges
Von: Timo Lumma
Über 60 Jahre befand sich unter dem ehemaligen Mitarbeiterparkplatz des Friedrich-Ebert-Krankenhaus (F-E-K) eine der größten zivilen Luftschutzanlagen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, die in Vergessenheit geraten war. Vor dem Abriss der Anlage am 18. April 2008 hatte die Projektgruppe „unter schleswig-holstein“ des Vereins „unter hamburg e.V.“ Gelegenheit das Bauwerk zu begehen, erforschen und zu dokumentieren.
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Blick auf den ehemaligen Mitarbeiterparkplatz des F-E-K |
Abstieg |
Der bautechnische Luftschutz in Neumünster 1933 bis 1945
Neumünster wurde während des Zweiten Weltkrieges trotz seiner kriegswichtigen Industrie und als bedeutender Eisenbahn-Verkehrsknotenpunkt lediglich als Luftschutzort II. Ordnung eingestuft. Diese Entscheidung hatte zur Folge, dass die in Neumünster vorhandenen Luftschutzeinrichtungen zu keinem Zeitpunkt auch nur annährend geeignet und sicher waren. Die erste öffentliche Luftschutzübung fand in Neumünster bereits am 26. September des Jahres 1933 statt. Vorausgegangen war die Gründung der Ortsgruppe Neumünster des Reichsluftschutzbundes am 21. August 1933. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Neumünster auch schon einige Luftschutzräume, meistens aber nur einfache und behelfsmäßige Luftschutzkeller, die sich in öffentlichen Gebäuden, einigen wenigen Privathäusern und Fabriken befanden. Als Folge des am 26. Juni 1935 erlassenen Luftschutzgesetzes begann man auch in Neumünster mit der Planung und, ab Anfang 1936, dem verstärktem Neu- und Ausbau von weiteren Schutzräumen und dem Bau einiger neuer Luftschutzanlagen. Diese Anlagen, besonders die Luftschutzkeller, wurden von der Neumünsteraner Bevölkerung aber keineswegs als sicher angesehen.
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Eingang zur Luftschutzanlage |
Blick in Schleuse I |
Auch die Klinikleitung des F-E-K, das zu diesem Zeitpunkt noch „Städtisches Krankenhaus“ hieß, traf bereits ab dem Jahre 1935 die ersten baulichen Maßnahmen zum Schutz des medizinischen Personals und der Patienten. So wurden einige der weitverzweigten Kellerräume des Krankenhausbaus am Sachsenring zu vollausgestatteten trümmer-, splitter- und gasdichten Luftschutzräumen ausgebaut. Diese waren ausschließlich für Schwer- und Schwerstkranke vorgesehen, die das 1935/ 36 gebaute Luftschutzbauwerk am Sachsenring bei Alarm nicht aus eigener Kraft erreichen konnten.
Ab 1941 begann man als weitere Luftschutzmaßnahe auch in Neumünster ausgewählte Patienten des F-E-K in den „Lindenhof“ bei Rickling zu verlegen. Die Einrichtung diente allerdings auch schon der Stadt Hamburg als Ausweichkrankenhaus wodurch die Verlegung und Einquartierung der Kranken aus Neumünster stark begrenzt und erschwert war. Hintergrund für diese Entscheidung war, dass die Stadt Hamburg als Luftschutzort 1. Ordnung ein Vorrecht auf die Verlegung und Einquartierung von Kranken hatte.
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Das freigelegte Eingangsbauwerk II |
Blick in Röhre 1 |
Am 13. Dezember 1943 wurde das F-E-K von mehreren Brandbomben getroffen, wodurch der Dachstuhl eines Gebäudeflügels in Brand geriet und zerstört wurde. Die Klinikleitung des F-E-K forderte daraufhin die Ausgliederung der Luftschutzanlage am Sachsenring – die sich auf dem Klinikgelände befand – aus dem öffentlichen Luftschutz. Nach den Plänen der Klinikleitung sollte die Anlage nun ausschließlich dem Klinikpersonal und den Patienten als Schutzraum dienen. Auch sollten bauliche Maßnahmen getroffen werden, die die provisorische medizinische Versorgung der Patienten während eines Angriffes ermöglichen sollte. Diese Forderung war für die Stadtverwaltung auf Grund der wenigen öffentlichen Schutzräume vollkommen inakzeptabel und wurde auch dementsprechend scharf abgelehnt.
Die Einstellung der Stadtverwaltung änderte sich jedoch am 25. Oktober 1944: An diesem Tag fand der erste gezielte Angriff der 8th. USAAF, 2nd. Bomb Division mit 216 Consolidated B24 auf Neumünster statt. Zwischen 13.17 Uhr und 13.40 Uhr warfen die Bomber insgesamt 590 Tonnen Bomben auf Neumünster ab, wobei mindestens 181 Menschen ums Leben kamen. Dieser Angriff hatte die totale Zerstörung zahlreicher Wohn- und Geschäftsgebäude zur Folge. Darunter befanden sich u.a. das alte Kaufhaus Karstadt am Kuhberg, die alte Anscharkirche, die Tuchfabrik H.C. Rowedder, die Tuchfabrik C. Sager Söhne & Co., das alte „Tivoli“, die Sick-Kaserne und das „Museum für germanische Trachten“ auf der Klosterinsel.
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Das ehemalige Eingangsbauwerk I. Die Kalksandstein-Verkleidung wurde erst nach dem Krieg errichtet. |
versiegelter Zugangstunnel zum Krankenhausbau |
Nach diesem Angriff stimmte die Stadtverwaltung sofort dem Neubau einer weiteren Luftschutzanlage auf dem Gelände des F-E-K zu. Als Standort wählte man das Gelände am Sachsenring/ Ecke Boostedter Straße, wo sich zu diesem Zeitpunkt noch eine parkähnliche Anlage des F-E-K befand. Die Baugenehmigung wurde unter der Auflage erteilt, dass das neue Luftschutzbauwerk nach der Fertigstellung in den öffentlichen Luftschutz mit eingebunden wird. Die Klinikleitung stimmte zu, verlangte aber im Gegenzug von der Stadtverwaltung finanzielle und materielle Unterstützung beim Bau. Eine finanzielle Beteiligung lehnte die Stadtverwaltung zwar ab, doch stellte sie dem ausführenden Bauunternehmen unendgeldlich Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für die Bauarbeiten zur Verfügung.
Die neue Luftschutzanlage sollte über mindestens 200 Schutzplätze verfügen und mindestens splittersicher sein. Bei der Bauausführung entschied man sich aus Zeit- und Kostengründen für einen sogenannten erdversenkten Luftschutzdeckungsgraben (LS-Graben) in Betonausbau. Fälschlicherweise wird diese Luftschutzanlage auch als „Röhrenbunker“ bezeichnet, was von der Bogenform des Bauwerks herrührt.
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Blick in Schleuse II |
Blick in Röhre 3 |
Wie dringend Neumünster weitere Luftschutzanlagen benötigte, zeigte sich bereits elf Tage später, als am 6. November 1944 die 3rd. Bomb Division der 8th. USAAF, den zweiten gezielten Angriff auf Neumünster flogen. Der Angriff erfolgte in sieben Wellen und dauerte knapp vier Stunden an. Bei diesem Angriff kamen mindestens 293 Menschen ums Leben, viele von ihnen starben allerdings nicht direkt im Innenstadtbereich, sondern im „Brachenfelder Gehölz“. Die Menschen flüchteten mittlerweile bei jedem Luftalarm in dieses kleine Waldgebiet am Rande der Stadt, weil sie die wenigen öffentlichen Luftschutzeinrichtungen im Stadtgebiet als nicht sicher betrachteten. Unglücklicherweise befand sich am westlichen Waldrand das Werk der „Elektroacustic AG“, eine Tochterfirma der AEG, die neben Torpedosprengköpfen (in Zusammenarbeit mit der „ AEG Elektrochemie GmbH“) und Funkmessgeräten auch die ersten brauchbaren Nachsichtgeräte und elektronischen Zielerfassungsgeräte herstellte. Dieses Werk wurde bei diesem Angriff nun gezielt bombardiert und von Tieffliegern angegriffen. Insgesamt wurden bei diesem Angriff ca. 6.000 Sprengbomben auf das Stadtgebiet von Neumünster abgeworfen, was die Zerstörung des Hauptbahnhofes und das Eisenbahnausbesserungswerkes, denen dieser Angriff vor allem gegolten hatte, zur Folge hatte, sowie die Zerstörung des gesamten nördlichen Stadtgebietes mit dem Kuhberg, der Kieler Straße, der Wasbeker Straße und der Klosterstraße.
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Äther-Abfüllanlage |
Erdungsanlage der Äther-Abfüllanlage |
Unter Hochdruck begannen nun Mitte November/ Anfang Dezember 1944 knapp 200 sowjetische und französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der damaligen Sowjetunion und den Niederlanden mit dem Bau der Luftschutzanlage unter dem ehemaligen Mitarbeiterparkplatz des F-E-K. Gearbeitet wurde in der Regel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, sieben Tage die Woche und bei jedem Wetter. Die Arbeitsbedingungen waren hart: Sämtliche Erdarbeiten und -bewegungen mussten mit einfachen Schaufeln aus- und durchgeführt werden. Für die besonders schweren Ausschachtungsarbeiten wurden die Zwangsarbeiter der Strafkompanie aus dem, nahegelegenen Zentralgefängnis herangezogen. Untergebracht waren die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, mit Ausnahme der Angehörigen der Strafkompanie, in zwei Baracken auf dem Klinikgelände am Sachsenring.
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Das freigelegte Eingangsbauwerk III am Sachsenring |
Nach nur einer guten Stunde war schon über die Hälfte abgebroche |
Die Luftschutzanlage bestand aus insgesamt sechs einzelnen Segmenten, zwei Gasschleusen, drei Eingangsbauwerken – von denen eines als Notausgang fungierte – und einem Zugangstunnel zum Krankenhausbau. Die Gesamtlänge betrug, ohne die Eingangsbauwerke und dem Zugangstunnel, 97, 50 Meter. Jedes Segment hatte eine Decken- und Wandstärke von 30 cm, einen Gesamtsdurchmesser von 2,50 m, eine Breite von 1,40 m und eine Höhe von 1,90 m.
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Blick auf die freigelegte Luftschutzanlage |
Hier wird die Bogenform deutlich |
Wegen Materialmangel wurde für den Bau kein Stahlbeton mehr verwendet, sondern Magerbeton mit einem Mischungs-Verhältnis von 8:1, der nur eine geringe Stabilität aufweist. Lediglich für die Eingangsbauwerke wurde eine kleine Menge Stahl verwendet. Einen direkten Bombeneinschlag hätte dieses Bauwerk nicht standgehalten. Auch bei einem unmittelbaren Naheinschlag wäre es mindestens stark beschädigt bis teilweise zerstört worden. Wenn überhaupt bot das Bauwerk bestenfalls einen gewissen Schutz vor „langsamen"“ Splittern und herabfallenden Trümmern. Allerdings hätte hier auch schon ein Flugzeugmotor, eine Tragfläche von einem abstürzenden Flugzeug ausgereicht, um das Bauwerk mindestens zu beschädigen. Eine Berechnung der Widerstandskraft im Rahmen der Abbrucharbeiten ergab, dass schon die Kraft eines mit Wasser gefüllten Gymnastikballs von 40 cm Durchmesser, abgeworfen aus 4.200 Meter Höhe, ausgereicht hätte, um die Decke zu durchschlagen. Neben einem Loch in der Decke wäre auf Grund der auftretenden Kräfte die Decke der betreffenden Röhre aber auch noch über die ganze Länge hinweg eingerissen.
Nach nur knapp vier Monaten Bauzeit war die Luftschutzanlage dann Ende März 1945 fertiggestellt. Ob sie von der Bevölkerung aber auch noch genutzt wurde bleibt fraglich.
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Dass das Bauwerk aber dennoch etwas aushalten konnte, |
Zugang zum Eingangsbauwerk II von Röhre 3 |
Die Nutzung des Bauwerks nach 1945
Nach dem Krieg wurde der nördliche Teil der ehemaligen Luftschutzanlage von der Apotheke des F-E-K bis zum Bezug des Krankenhausneubaus im Jahre 1977 als Abfüllraum für Äther genutzt. Dafür wurde das Bauwerk mit einer aufwendigen Erdungsanlage ausgestattet wurde, um eine hochexplosive Funkenbildung zu verhindern. Ein weiterer Teil des Bauwerks wurde als Lagerraum für Infusionsflaschen und chirurgische Notfallinstrumentensätze genutzt.
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Lagerverschlag für Infusionsflaschen |
leere Ätherbehälter |
Ab Anfang der 60er Jahre wurden die noch vorhandenen Luftschutzanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg auf eine bautechnische Eignung für den Zivilschutz im „Kalten Krieg“ hin überprüft. So auch die ehemalige Luftschutzanlage unter dem Mitarbeiterparkplatz des F-E-K, die Ende der 70er Jahre überprüft wurde. Eine Wiedernutzbarmachung als öffentlicher Schutzraum im Rahmen des Zivilschutzes kam aber nicht mehr in Betracht, weil die Anlage nicht einmal den bautechnischen Anforderungen des Grundschutzes entsprach. Im Laufe der Zeit geriet die ehemalige Luftschutzanlage unter dem Mitarbeiterparkplatz mehr und mehr in Vergessenheit. Erst im Zuge der Neubauplanungen des F-E-K zu Beginn des neuen Jahrtausends begann man sich wieder an die ehemalige Luftschutzanlage zu „erinnern“. Eine Weiternutzung, bzw. Einbindung der ehemaligen Luftschutzanlage in den Krankenhausneubau war nicht möglich, und so wurde Ende 2007 die Abbruchgenehmigung erteilt.
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alte Parkbänke in Röhre 5 |
Im südlichen Teil der Anlage stießen wir auch auf eine alte Geldbörse. Der Inhalt war aber unspektakulär: Einige verrostete Pfennig-Münzen und ein alter Personalausweis und Reisepass der Bundesrepublik Deutschland. Der Inhaber ließ sich auf Grund des fortgeschrittenen Verwitterungszustandes nicht mehr ermitteln. |
Der nach dem Krieg ungenutzte südliche Teil der ehemaligen Luftschutzanlage wurde Ende der 70er Jahre versiegelt. Auch das südliche Eingangsbauwerk am Sachsenring und das nördliche Eingangsbauwerk wurden in diesem Zeitraum abgerissen und verfüllt. Auf der parkähnlichen Fläche entstand nun der Mitarbeiterparkplatz.
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Blick in Röhre 4. Dieser Bereich wurde Ende der 70er versiegelt. |
Blick in das verschüttete Eingangsbauwerk III |
Am 13. März 2008 hatte die Projektgruppe „unter schleswig-holstein“ Gelegenheit, das Bauwerk zum ersten Mal zu begehen und zu erforschen. Dabei kamen im westlichen Teil der Anlage neben Teilen der alten Äther-Abfüllanlage, Unmengen an leeren Infusionsflaschen auch leere Verpackungen von chirurgischen Notfallinstrumentensätzen zum Vorschein. Am 17. April 2008 begannen die Abbrucharbeiten am Luftschutzbauwerk unter dem Mitarbeiterparkplatz mit der Freilegung der Anlage. Vier Tage später, am 21. April 2008, war von der Luftschutzanlage nur noch ein Loch in der Erde übrig.
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Am 18. April 2008 begannen die Abbrucharbeiten |
Nach drei Tagen war nur noch ein Loch in der Erde zu sehen |
Dank an
FREIDRICH-EBERT-KRANKENHAUS Neumünster
Firma LÜHN BAU
Firma ERNST KREBS GmbH & Co. KG
für die freundliche Unterstützung unserer Arbeiten!
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Und das blieb von der Luftschutzanlage übrig... |